Leserkommentar von Lars Kegler
 

„Lakota Woman“ und „Ohitika Woman“
von Mary Crow Dog und Richard Erdoes

Um eine Kritik zu diesen beiden Büchern bin ich schon vor langer Zeit gebeten worden. Ich wollte sie nie schreiben, weil mir zu ihnen nur eine einzige Feststellung einfällt: Sie sind bei weitem das beste, was ich zum Thema „Lakota“ je gelesen habe.

Natürlich sind auch John Fire’s, Frank Fools Crow’s und Leonard Crow Dog’s Bücher hervorragend und empfehlenswert, und dasselbe trifft auch auf manches andere Buch zu. Aber Mary’s beide Bücher haben eine Art subtiler Lebendigkeit, die Bücher naturgemäß eher selten an sich haben. „Lakota Woman“ handelt im wesentlichen von Mary’s Jugend, dem American Indian Movement, ihrer Ehe mit Leonhard Crow Dog und es ist so spannend, dass ich es am selben Tag ausgelesen hatte, als es mir in die Hände fiel.
„Ohitika Woman“ setzt Mary’s Lebensgeschichte fort. Es behandelt eingehend die Situation im Reservat, die Armut, die häusliche Gewalt, den Alkoholismus. Es ist ein wenig langatmig im Vergleich zu „Lakota Woman“, aber dafür tiefgründiger. Und es ist klar, dass Mary, trotz ihrer radikalen Offenheit, auch hier die Abgründe ihres eigenen Lebens durchaus nicht ganz auslotet. Doch was sie mitteilt, ist schon herb genug.

Statt mich nun seitenlang in Lobhudeleien zu ergehen, möchte ich an dieser Stelle Position beziehen, und Mary gegen einen Vorwurf verteidigen, den manche ihrer Stammesgenossen gegen sie erheben und der mir auf ihrer Reservation selbst zu Ohren kam: Man wirft ihr vor, in ihren Büchern gelogen zu haben, in dem sie ihre Kindheit und Jugend in Armut schildert. Tatsächlich sei sie in Wohlstand aufgewachsen, es habe ihr nie an irgendetwas gefehlt.
Nun kenne ich Mary nicht lange oder gut genug, um sagen zu können, dieser Vorwurf ist berechtigt oder nicht. Dennoch kann ich ihn mit folgendem Argument entkräften:
Dass Mary’s Bücher in weiten Teilen der Welt verbreitet wurden und auch ein hohes Maß an Beachtung fanden, macht sie zu einer Repräsentantin ihres Volkes. Selbst wenn sie zu Anfang ihres Lebens im Luxus geschwelgt haben sollte – sie hätte dies kaum einräumen können, ohne der Welt den falschen Eindruck zu vermitteln, die Lakota lebten in Saus und Braus, während sie tatsächlich permanent etwa 50 % unter der Armutsgrenze leben.
Sollte Mary also wirklich gelogen haben, dann zu Recht.

Wer auch immer Mary Crow Dog’s Bücher noch nicht kennt – ob er sich für die Thematik interessiert oder nicht – dem empfehle ich sie auch nicht. Dem dränge ich sie hiermit nachhaltig auf.
 
 

Lars Kegler
April 2003

 


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