Leserkommentar von Norbert Mallik

Mein Weg zum Sonnentanz

von Manny Twofeathers

Büffelschädel und Midlife-crisis

"Come all without, come all within, you ain't seen nothing like the mighty Quinn", sang Manfred Mann das Lied vom starken Eskimo Quinn, über dessen Kraft sich alle anderen freuen konnten, da sie in ihm gern gesehene Eigenschaften erblickten. Und so jemanden wie Manny Twofeathers sieht man auch nicht alle Tage, doch eigentlich ist er mehr ein normaler Familienvater, war 15 Jahre verheiratet, und ist fast immer damit beschäftigt, die Mäuler seiner 4 Kinder durch den Verkauf von selbstgefertigten indianischem Kunsthandwerk zu stopfen. Und dennoch kommen viele Leute zusammen, um ihn beim Sonnentanz leiden zu sehen.

Wie aber kommt er dazu, sich die Haut durchbohren zu lassen, und daran angebundene Büffelschädel hinter sich her zu ziehen bis die Haut reißt? Und dazu bei sengender Hitze vier Tage ohne Essen und Trinken barfüßig zu tanzen und auf die Adlerknochenpfeife zu blasen? Wie kommt also jemand dazu, bei einem indianischen Sonnentanz mitzumachen, und damit eine harte Zeit auf sich zu nehmen, dabei von dem Glauben getragen, durch dieses Leiden anderen Menschen und der Schöpfung als Ganzes zu helfen? Manny Twofeathers hat mittlerweile eine Menge Sonnentänze absolviert und das hat sein Leben verändert. Er ist Mittvierziger und steckt vielleicht in einer Midlife-crisis, wie man so beschönigend sagt, denn ist das Meiste dann nicht doch schon gelaufen? Doch als er Kontakt zu dem indianischen Ritual des Sonnentanzes bekommt, ist er wie verwandelt. Er möchte mehr darüber erfahren und selber tanzen und sich mit den Qualen konfrontieren. Nicht nur das erste Mal ist es hart, auch weil er dort anfangs kaum jemanden kennt. Aber er genießt die Beachtung und Anerkennung, die ihm ein solcher Einsatz bei diesem zutiefst indianischen Ritual bringt. Es hat wenig zu sagen, daß er eigentlich Mexikaner ist, und somit nicht an den nur für Vollblutindianer zugelassenen Tänzen teilnehmen darf. Andere Tänzer und Menschen sehen die Herkunft als zweitrangig an. Doch bald darauf will sich seine Frau von ihm trennen, weil sie es nicht mehr erträgt, daß er so lange zum Schmuckverkauf unterwegs ist. Für Manny beginnt eine schwere Zeit, weil er seine Kinder nicht mehr sehen darf und die Ehe in die Brüche geht. Er läßt sich vom Alkohol trösten. Auf einer Tanzveranstaltung tanzt er bei einem Wettbewerb in die komplett falsche Richtung, aber bis er merkt, daß auch sein Leben falsch läuft, wird er erst zum Dieb werden müssen. Nun merkt er, daß er einen Halt braucht, und zu diesem Halt wird der alljährliche Sonnentanz. Dort trifft er Freunde, kann sein Leben danach ausrichten, und, was ihm sehr wichtig ist, durch sein Leiden für andere Menschen, besonders für seine Kinder bitten. Natürlich kann er im Buch nur andeutungsweise von den Qualen berichten, die ein Sonnentanz für die Verpflichteten mit sich bringt. Und hier ist einmal keinmal, denn man muß sich gleich für vier Mal verpflichten. Doch Manny durchsteht die Qualen und kann sich bald vor Einladungen nicht mehr retten. Mit denen, die es nicht so genau wie er nehmen oder auch schwächer sind, hat er jedoch seine Probleme. Weil die an der Zeremonie Beteiligten glauben, daß die Kraft der Zeremonie davon abhängt, daß jeder Teilnehmer oder Teilnehmerin (es können auch Frauen mittanzen) sich peinlich genau an die strengen Regeln hält, ist der Gruppendruck enorm und langsam begreift Manny, daß nicht jeder über die Kraft und das dicke Fell verfügt, um so wie er durchzuhalten. Man kann den Sonnentanz auch unter dem Aspekt sehen, daß hier Spannungen und Konflikte, Konkurrenz und negative Gefühle weggetanzt und weggelitten werden. Hier zählt, wer Mut und Ausdauer hat, und wer sich in erheblichem Maße selbst verleugnen kann. Das stärkt die Gruppe und wirkt heilend. Beim Lesen kam mir die Idee, daß der Sonnentanz auch so etwas wie eine Kranken- und Sozialversicherung darstellt, die die heutigen Indianer auch gut gebrauchen können, da es mit dem Sozialwesen in Amerika nicht so gut wie (noch) bei uns bestellt ist. Durch den Sonnentanz fühlt Twofeathers sich auch im Alltag geleitet und von den Geistwesen geführt, die ihm den Auftrag geben, durch dieses Buch Menschen von seinem Weg zu erzählen. Er findet eine neue Frau und muß noch so manchen Schicksalsschlag durchleben, bis er sich dazu entschließt, solange es seine Gesundheit zuläßt, jedes Jahr beim Sonnentanz dabei zu sein. Mittlerweile ist Manny Twofeathers schon in den 50ern und hat seine kritische Phase in der Lebensmitte tanzend und schreibend bewältigt. Er sieht neue Gesichter bei den Sonnentänzern, junge Menschen, denen er mit seiner Erfahrung helfen kann.

Wer von dem Buch geistige Höhenflüge oder brillante Analysen erwartet, wird enttäuscht sein. Twofeathers erklärt und beschreibt den Sonnentanz und seine Funktionsweise, soweit er sie offenlegen darf und mit seinen Überlegungen dazu hält er sich an hergebrachte indianische Spiritualität, die er mit Sprichwörtern würzt. Leider schöpft er aber auch aus der Esoteriksuppe, wie sie derzeit vor sich hinbrodelt. Menschen müssen eben ihr Karma abarbeiten (natürlich unterbezahlt) und schließlich sind wir alle unerbittlich darauf aus, zu ominösen spirituellen Höhen aufzusteigen (Schwindelfreie vor). Das nebenbei die Erde gerettet wird, ist Minimalkonsens und bedarf nicht der Fragen wozu, wovor und vor wem und für wen. Seiner Ansicht nach ist das Böse deswegen in der Welt, um ein Gleichgewicht zum Guten herzustellen. Gerade aber diese beliebte Rationalisierung ist so einleuchtend wie falsch. Wäre dem wirklich so, dann würde es ja insgesamt gesehen keinen Unterschied machen, ob man Gutes oder Böses täte, da ja doch alles seinen Ausgleich findet. Die Welt bestünde aus gleichen Teilen Gutes und Böses, und jeder Versuch, das Gute zu mehren, wäre zum Scheitern verurteilt. Der Lakota-Medizinmann Fools Crow hingegen gelangte etwa zu der Einsicht, "daß wir durch den (biblischen) Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen davor gewarnt sind, daß Gutes genauso bedrohlich für uns und unsere Beziehung zu Wakan Tanka wie Böses ist. Fools Crow sagte: ‚Ist das Leben zu gut, denken wir zu hoch von uns selbst und unseren Wohltaten. Dann halten wir uns für die Weisesten und Beliebtesten und verdrängen, daß wir Wakan Tanka und die Helfer weiterhin brauchen.' (Aus: Fools Crow: Wisdom & Power, T. E. Mails)

Seine Stärken hat das Buch hingegen in der Darstellung der Familiengeschichten, der Beziehungen zu seinen Kindern und wie sich auch in schwierigen Zeiten Lösungswege auftun. Das Buch ist gut übersetzt und läßt sich ausgesprochen leicht lesen. Es gibt einen guten Einblick, was für Freuden, aber auch was für Zwängen man ausgesetzt ist, läßt man sich auf eine Begegnung mit indianischer Spiritualität ein.
 Norbert Mallik, November 1997 



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