Leserkommentar von Lars Kegler

Inipi - Das Lied der Erde

von Anni Pazzogna

Bei "Inipi - das Lied der Erde" handelt es sich um ein Sachbuch das beabsichtigt, über die indianische Schwitzhüttenzeremonie nach Art der Lakota möglichst umfassend und sachkundig zu informieren. Dies wäre gewiß ein lobenswertes Unterfangen, würde diese Zielsetzung auch erfüllt. Das ist leider nicht der Fall, vielmehr das Gegenteil. Warum und inwiefern möchte ich im folgenden darlegen.

Schon beim oberflächlichen Überfliegen fallen zahlreiche Aussagen ins Auge, die nicht sachlich informativ sondern eher verschwommen und mystifizierend oder schlichtweg schwachsinnig klingen. Zum Beispiel folgende:

"Die Lakota sind die Diener des Lichts. Dieses Volk trägt die Last einer visionären   Verantwortung." - Ich sehe schon vor mir, wie Lakotas, könnten sie diesen Satz auf Englisch lesen, in schallendes Gelächter ausbrechen oder gar in Zorn geraten, daß die Weissen aus der Ferne idealistische Phantasien auf sie projizieren, während sie selbst im Angesicht bitterster Armut um ihr Überleben kämpfen.
"Dort wirkt er (der Altar vor der Schwitzhütte) wie ein Anker, der uns
auf der Erde hält." - Klar daß die Autorin das im übertragenen Sinne meint, aber glaubt sie allen Ernstes, daß ein Haufen Erde darüber entscheidet, ob Menschen irgendwie  "abheben" oder nicht?
"Ein Mann der die Narben des Sonnentanzes trägt, versteht den Schmerz einer Frau bei der Geburt." - Bei dieser Unverfrorenheit, die jede Mutter als Faustschlag ins Gesicht empfinden muß, handelt es sich anscheinend um ein Zitat Archie Fires.
An Abstrusität kaum noch zu überbieten, ist jedoch folgendes Statement:
"Jesus opferte sein Blut, damit das Göttliche in ihm die Schattenwesen zur Vernunft brächten."  Im Anschluß daran die Behauptung, der Sonnentanz der Lakota sei von den selben Ideen motiviert und durch das Piercing werde das indianische Volk "erhoben". - Zur erläutern, daß das Opfer des Sonnentanzes ganz andere Bedeutung hat und daß es keinen Zusammen-hang zwischen Christentum und Lakota-Tradition gibt, würde hier zu weit führen und sei daher lediglich festgestellt.
Eher irreführend als informativ ist es auch, daß die Autorin in diesem Buch symbolische Inhalte der Schwitzhütte erläutert, die den Lakota selbst völlig unbekannt sind! Dies ist allerdings weniger ihre Schuld, als die Archie Fires, auf dessen Lehre sie Bezug nimmt und der - offenbar zwecks besserer Vermarktung - die Schwitzhütte mit reichlich selbsterfundener Symbolik anfüllt. Zwar ist es richtig, daß im Bereich indianischer Religion Symbolik eine besondere Rolle spielt. Dies ist jedoch in weit geringerem Umfang der Fall, als die meisten Weissen glauben.  Tatsächlich ist der brennende Durst nach exzessiver Symbolik eine typische Eigenart der Weissen, der indianischen Mentalität aber völlig fremd. Ebenso unbekannt ist den Lakota die Unterscheidung zwischen "Familienhütte" und "Heilungshütte" (erstere besteht angeblich aus 12, letztere aus 16 Weiden). Die Größe ihrer Schwitzhütten und damit die Anzahl der verwendeten Weiden richtet sich einzig nach der Menge der Menschen, die sie aufnehmen soll.  Heilungszeremonien finden bei ihnen gewöhnlich im Haus, nur selten in der Schwitzhütte statt. Noch irritierender ist jedoch die Beschreibung der "Mondhütte", anscheinend eine Spezial-Schwitzhütte für menstruierende Frauen. So etwas gibt es bei den Lakota überhaupt nicht, hat es auch nie gegeben! Bezüglich solcher Erfindungen sagte Norbert Elmer Running (zum Zeitpunkt dieser Niederschrift der älteste lebende Lakota-Medizinmann):
"Was ist das, Mondtanz? Was ist das, Mondhütte? Sagt ihr es mir, ich weiß nichts davon." Das sagt wohl alles zu diesem Thema.

Es ist unglaublich: Da heißt es auf dem Klappentext dieses Buches, es wirke aufgrund seines Informationscharakters dem Ausverkauf indianischer Spiritualität entgegen, dann findet man im Inhalt Dinge erläutert, die gerade zu deren effektiverer Vermarktung überhaupt erst erfunden wurden! Hier bedarf es fast übermenschlicher Selbstbeherrschung, um beim nun unausweichlichen Lachanfall dem Erstickungstod noch mit Mühe und Not zu entgehen!

Von ähnlicher Qualität ist das Kapitel über die zeremoniellen Lieder der Lakota. Schon die Überschrift "Die Olowanpi-Gesänge" spielt stark ins Lächerliche, heißt sie übersetzt doch nur: "Die Gesänge-Gesänge". Aber ob doppelt gemoppelt wirklich besser hält oder einfach nur doof klingt, mag dahingestellt bleiben. In der Einführung erteilt die Autorin dann den weisen Rat, bei Interesse an der Tradition der Lakota auch deren Sprache zu erlernen. Um so härter trifft einen der Schock beim Lesen der nun folgenden, rabiaten sprachlichen Schlampereien. Die Übersetzungen der Heiligen Lieder strotzen dermaßen vor Fehlern, daß sie teilweise in überhaupt keinem inhaltlichen Zusammenhang zum Originaltext mehr stehen! Hier ins Detail zu gehen würde den Rahmen dieser Kritik sprengen, doch die Grotesken bei der Wiedergabe der Lakota-Texte, lassen sich anhand eines analogen Beispiels verdeutlichen. Dazu stelle man sich die Niederschrift deutschen Liedgutes einmal so vor:

"Och duschoenerwes Terwal't
ueb erd eine Oehenpfeif't derw Inktsok al't
Je dochders choenst'es On nen scheing
ehtief ins Erz ine in."

Wer mit Sprache und Liedern der Lakota auch nur oberflächlich vertraut ist, sieht sich hier knallhart vor die Wahl gestellt: Entweder seine anläßlich dieses Kapitels auftretende Übelkeit medikamentös zu unterdrücken oder seinem Brechreiz uneingeschränkt Rechnung zu tragen. Möglicherweise wäre es von Nutzen gewesen, hätte die Autorin ihren eigenen Rat befolgt und die Sprache der Lakota erlernt.

Dies ist noch längst nicht alles ist, was es an "Inipi" auszusetzen gäbe. Doch müßte auch erwähnt werden, daß es manches an echter und authentischer Information enthält. Aber leider kann ich nicht umhin festzustellen: Wer ein Buch schreibt in der Absicht, sachkundig und richtig zu informieren, dabei aber echte Information mit allerlei Stuß, Unsinn und Phantastereien verquickt, dazu noch mit einer Fremdsprache so grandios Schindluder treibt, der verfehlt nicht nur sein Ziel, sondern wirkt ihm ganz massiv entgegen! "Inipi - Das Lied der Erde"
ist, trotz der gegenteiligen Behauptung auf dem Umschlag, nur ein weiterer Beitrag zur Vermarktung indianischer Spiritualität, und zwar ein ziemlich dreister! Denn aufgrund der seriös wirkenden Gestaltung dieses Buches halten sich sicher viele Leser nach seiner Lektüre für bestens informiert, sind aber tatsächlich nur irregeführt - ja ich möchte sogar sagen: verarscht worden! Dabei unterstelle ich der Autorin Anni Pazzogna nicht einmal eine dementsprechende Absicht. Vielmehr scheint auch sie selbst mir nur ein Opfer von Desinformation zu sein. Um ein tieferes Verständnis über die echten Inhalte und wahren Hintergründe indianischer Spiritualität zu erlangen, reicht es eben nicht aus, an Treffen mit europareisenden Medizinmännern teilzunehmen und im Sommer für ein paar Wochen zum Sonnentanz aufs Reservat zu pilgern. Wer nicht wenigstens ein paar Jahre auf einem Indianerreservat verbracht hat, dem fehlt von vornherein die Kompetenz ein solches Buch zu schreiben oder zwischen authentischer indianischer Tradition und erdichtetem Brimborium unterscheiden zu können.

Was bleibt ist die Enttäuschung, daß die spirituelle Tradition der Lakota einmal mehr grotesk verzerrt und idealisiert dargestellt wurde und daß damit die Kluft zwischen den Resten echter indianischer Spiritualität und dem, was Weisse daraus machen, um so größer wird.
 

Lars Kegler
Januar 2000

 


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