Indianische Heilgeheimnisse - Die Lehren von Großvater, dem Heiligen Mann
von Gerhard Buzzi
Kern dieses Buches sind als Erlebnisse und Erfahrungen des Autors
dargestellte
Schilderungen, in deren Mittelpunkt ein alter Oglala-Medizinmann aus
der
Pine Ridge Reservation steht, der nur als "Großvater" bezeichnet,
dessen eigentlicher Name aber verschwiegen wird.
Zitat Buzzi: "Viele kennen seinen wirklichen Namen nicht." Aber ist
es allen Ernstes vorstellbar, es könne auf einem Indianerreservat
einen alten Medizinmann geben, der seinem Volk zwar in seiner Person,
nicht
aber namentlich bekannt wäre? Gerade ein Medizinmann des hier
geschilderten
Kalibers müßte zumindest eine Lokalberühmtheit sein,
deren
Name in einem Atemzug mit denen so berühmter Schamanen wie Frank
Fools
Crow oder Robert Stead zu nennen wäre. Ich habe aber während
all der Jahre, die ich unter den Lakota der Rosebud und Pine Ridge
Reservation
verbrachte, nie von einem alten Medizinmann gehört, den ich
für
Buzzis "Großvater" halten könnte. Auch viele Einzelheiten
seiner
Erzählung muß ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrung
für
Indizien dafür halten, daß es sich bei Buzzis Geschichte
nicht
um Tatsachen, sondern um reine Fiktion handelt.
Dazu einige Beispiele:
In Abbildung 10 zeigt Buzzi eine Pfeife, die angeblich aus dem Besitz seines "Großvaters" stammt. Ich selbst habe eine so reich verzierte Pfeife dieses besonderen Stils bei noch keinem Medizinmann oder überhaupt irgendeinem Indianer gesehen. Sie gehört aber in genau der hier abgebildeten Ausführung zum Standardangebot des Indianerkunst-Ladens "Prairie Edge" in Rapid City! Daher kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Buzzi sie auch hier - und wohl kaum irgendwo sonst - sah und sie in seinem Buch abbildete, ohne sich darüber klar zu sein, wie radikal untypisch eine solche Pfeife für einen auf dem Reservat lebenden Medizinmann ist.
Höchst verdächtig erscheint mir auch die Schilderung, der "Großvater" sei sowohl ein Bärenmedizinmann als auch ein Yuwipi-Mann. Ganz abgesehen davon, daß eine solche Kombination spirituell gesehen zumindest fragwürdig erscheint, ist es eine allgemein bekannte Tatsache, daß die einst mächtigen Bärenmedizinmänner der Lakota in den 40er Jahren mit ihrem letzten Vertreter ausstarben!
Noch aufschlußreicher ist jedoch Buzzis Schilderung der Yuwipi-Zeremonie, an der er selbst teilgenommen zu haben behauptet: Gleich zu Anfang erwähnt er, der Yuwipi-Mann habe Kürbisrasseln verwendet. Tatsache aber ist, daß in Yuwipi-Zeremonien ausschließlich Rasseln aus Rohhautleder, niemals aber Kürbisse verwendet werden. Daß aber auch die Fachliteratur oft den irrtümlichen Eindruck erweckt, in Yuwipi-Zeremonien würden Kürbisrasseln benutzt, ist leicht zu erklären: wenn die Indianer von Rasseln sprechen, sagen sie fast nie "rattle" (Rassel), sondern meist "gourd" (Kürbis) und differenzieren dabei nicht, ob sie nun Kürbis- oder Rohhautrasseln meinen. Doch die Annahme, in Yuwipi-Zeremonien kämen Kürbisrasseln zum Einsatz, wird durch die vieldutzendfache Teilnahme an solchen Zeremonien niemals bestätigt, sondern stets widerlegt.
Ebenso irritierend klingt Buzzis Behauptung, er habe nur noch Umrisse erkennen können, nachdem zu Beginn der Zeremonie das Licht gelöscht wurde und er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Denn für jede Yuwipi-Zeremonie ist absolute Finsternis unabdingbar, so daß (mit Ausnahme der auftauchenden Lichtfunken) jede optische Wahrnehmung völlig unmöglich wird! Meiner Ansicht nach ist Buzzis Beschreibung der Yuwipi-Zeremonie ein eindeutiger Hinweis darauf, daß er lediglich darüber gelesen, nie aber daran teilgenommen hat!
Im übrigen erinnert die Schilderung seiner Beobachtung, wie der Yuwipi-Mann während der Zeremonie seinen gefesselten Körper verlassen haben soll, in jeder Einzelheit sehr stark an die Beschreibung der Yuwipi-Zeremonie des Dawson Has No Horses, wie sie Chuck Ross in seinem Buch "Mitakuye Oyasin" macht. Ebenso unübersehbar sind die Parallelen zwischen Doug Boyds "Rolling Thunder" und Buzzis Schilderung einer (bei den heutigen Lakota unbekannten!) Heilzeremonie seines "Großvaters", bei der rohes Fleisch, Adlerfächer und Saugtechnik Anwendung fanden. Indem Buzzi seinen "Großvater" mit spirituellen Kräften und Einsichten anreichert, wie sie wohl bei keinem realen, heute lebenden Lakota-Medizimann zu finden sein dürften, errichtet er ein die Realität grob verzerrendes Idealbild, das jeder glaubwürdigen Grundlage entbehrt.
Im Hinblick auf solch idealisierende Realitätsverzerrungen empfinde ich folgendes Eingeständnis Buzzis als besonders schockierend: Er "habe noch nie gehört oder gelesen, daß auf Pine Ridge kleine Kinder sexuell mißbraucht und umgebracht werden". Das schockierende an dieser Buzzischen Bildungslücke ist nicht diese an sich, sondern daß seine Leser aus ihr den falschen Eindruck gewinnen können, es gäbe unter den Lakota keinen sexuellen Mißbrauch an Kindern. Um diesen Irrtum richtigzustellen, hier ein paar Informationen:
- Vor einigen Jahren wurde die 9jährige Ritchie Robideau vergewaltigt undIch glaube, man kann mit Recht sagen: Mit solch groben Ungereimtheiten und idealisierenden Zerrbildern attestiert Buzzi sich eine fundamentale Unkenntnis echter indianischer Spiritualität und Realität sowie eine leidliche Belesenheit. Dem auch nur peripher sachkundigen Leser drängen sich daher folgende Fragen auf:
ermordet auf einer Müllhalde der Rosebud Reservation gefunden.
- Der Bruder eines anerkannten Rosebud-Medizinmannes hat seine eigene
Tochter (einen Säugling) vergewaltigt und sitzt dafür ein.
- Ich selbst kenne einen alten Medizinmann aus Pine Ridge, der wegen
Vergewaltigung zweier kleiner Mädchen eine 25jährige Haftstrafe verbüßt sowie
zwei junge Lakota Mädchen, die während ihrer Kindheit sexuell mißbraucht
wurden. Die eine davon über einen Zeitraum von sechs Jahren hinweg von
ihren eigenen Halbbrüdern...
Hat Buzzi seine Geschichte vielleicht nur geträumt? Ist er nicht mehr in der Lage, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden? Benötigt er in dieser Hinsicht fachkundige medizinische Hilfe, vielleicht von einem echten indianischen Medizinmann? Wie dem auch sei, daß eine wahre Geschichte in diesem Ausmaß von so krassen Unglaubwürdigkeiten strotzen kann, übersteigt mein Vorstellungsvermögen in höchstem Maße.
Im übrigen wäre noch erwähnenswert, daß Dinge wie "Schamanische Reise", "Krafttanz der Tiere", "Heilatemübungen" mit Bäumen und Tieren innerhalb der Lakota-Tradition nicht vorkommen. Man hört und sieht unter den Lakota nichts dergleichen, auch die Fachliteratur läßt solche Dinge unerwähnt. Es handelt sich dabei also um Ideen, die lediglich auf den Hintergrund der Lakota-Tradition projiziert werden, die deshalb vor diesem Hintergrund als reine Fantasien zu betrachten sind. Insofern erübrigt sich Buzzis Selbstvorwurf, er schreibe vermessenerweise über "heilige Geheimnisse" der Lakota, denn die von ihm beschriebenen Inhalte sind ihnen gar nicht heilig, weil unbekannt oder - sofern sie heilige Dinge betreffen - in keiner Weise geheim. Jedoch bin ich der Ansicht, daß Buzzi, indem er derlei Inhalte als heilige Geheimnisse der Lakota verkauft, seinen beteuerten Respekt vor deren Tradition ad absurdum führt.
Ich kann daraus nur schließen, daß er dieses Buch ausschließlich um seines persönliche Profits willen und um den Preis der Irreführung seiner Leser und der Mißrepräsentation der Lakota-Tradition geschrieben und veröffentlicht hat. Wieviel er daran auch verdient haben mag, verdient hat er meines Erachtens keinen Pfennig davon.
Lars Kegler
April 1999