Angelika Hansen litt unter Panikattacken und beschreibt in diesem
Buch
die Geschichte ihrer eigenen Heilung und läßt den diese
Heilung
bewerkstelligenden Geister-Kommunikator Godfrey Chips zu Wort kommen.
Chips
ist Lakota-Indianer und ein Vermittler zu den Geistwesen, und vor ihm
sind
viele seiner Vorfahren ebenfalls dieser Berufung gefolgt. Es sind die
Geistwesen
selbst, die auf für uns ungewöhnliche Weise Heilungsprozesse
in Gang setzen. Insofern ist der Titel "Begegnung mit dem Schamanen"
nicht
ganz korrekt, denn hier ist vielmehr die Begegnung mit einem
"Interpreter",
also Dolmetscher für die Geistwesen, gemeint. Die Bandbreite der
erreichten
Heilungen – unter anderem Krebs – ist aber enorm und läßt
berechtigt
vermuten, daß es sich hier nicht um eine dieser vielen
esoterischen
Pseudotherapien handelt, die momentan im Trend liegen, dem Patienten
viel
versprechen, aber außer wirkungslosem Hokuspokus meist nur
Beutelschneiderei
betreiben. Das hat die Autorin selbst erfahren müssen, denn sie
schreibt:
"Ich versuchte mit Hilfe von Rolfing, Rebirthing, Regressions- und
Psychotherapie
die Situation in den Griff zu bekommen. Ohne Erfolg." Sehr eindringlich
schildert dann auch Godfrey Chips, daß die Kommunikation mit den
Geistwesen beschwerlich und verantwortungsvoll ist, und auch nicht ohne
Risiken für sich und seine Familie, da die Geistwesen zwar zur
Hilfe
bereit sind, aber auch hart sein können, wenn man die Zeremonien
nicht
richtig durchführt. Schamane wird man eben nicht auf einem
Wochenendkurs,
und vor allem, man kann auch nicht von heute auf morgen damit
aufhören.
Die Autorin selbst ist während der Hippiezeit aufgewachsen und
fühlte sich schon immer zu Indianern hingezogen, und, wie sie
offenherzig
mitteilt, vor allem dann, wenn es sich um schöne Männer
handelt.
Man wird kurz in die Hippiezeit zurückversetzt und bekommt einen
kleine
Ahnung von den dazugehörigen Werten, – daß "Love und Peace"
eben in den 70ern einen höheren Stellenwert besaßen, als
beispielsweise
das Nachdenken darüber, was Love und Peace denn im Leben
ausmachen.
Auch überlegt man sich, ob Angstzustände nicht eine gesunde
Reaktion
auf eine bestimmte, auf den ersten Blick unbeschwert erscheinende
Lebensweise
ist. Mit anderen Worten: Nach jedem Rausch kommt die Ernüchterung,
und für Angelika Hansen sind es Indianer, die ihr mit uralten
Zeremonien
helfen, sich auf ihre wirklichen Probleme und Bedürfnisse zu
konzentrieren.
Sie wird von einem Freund zu einer Zeremonie eingeladen und kommt so in
direktem Kontakt mit Godfrey Chips. Sie nimmt an Heilungszeremonien
teil
und wird Zeugin von außergewöhnlichen Heilungserfolgen und
auch
ihre Panikattacken lassen sich durch eine Zeremonie beseitigen. Als
Dank
schreibt sie die Geschichte von Godfrey auf.
Das ist dann auch der weitaus interessanteste Teil des Buches, das
außerdem noch Philip, Ron und Milinda zu Wort kommen
läßt,
die ebenfalls mit Hilfe von Godfrey geheilt, oder von ihm auf einer
Visionssuche
begleitet wurden. Godfrey erzählt, wie er ein Interpreter wurde,
und
wie seine Vorfahren dieselbe Aufgabe meisterten. Das ist besonders
für
uns aufgeklärte Menschen eine ungewohnte Sichtweise, denn die
Existenz
von Geistwesen läßt sich nicht mit einer wissenschaftlichen
Einstellung vereinbaren. Andererseits birgt die Konzentration auf
Geistwesen
die Gefahr, alles und jedes auf Geister zurückzuführen, und
andere,
eher banal anmutende Gründe zu vernachlässigen. Wenn zum
Beispiel
die häufigen Autounfälle auf dem Reservat auf
nachlässigen
Umgang mit den Geistwesen zurückgeführt werden, ignoriert man
zwangsläufig die diese Unfälle herausfordernde, scheinbar
männliche
Fahrweise und die allgemeinen Begleitumstände, und man muß
sich
doch eigentlich fragen, warum nicht noch mehr Unfälle passiert
sind.
Das Buch ist ungenau bis falsch bei der Wiedergabe der
fremdsprachlichen
Begriffe aus der Lakotasprache und dem Englischen. Mann oder Frau macht
nicht "ein Vision Quest", sondern "eine Vision Quest", die auch
ebensogut
mit dem Begriff Visionssuche einzudeutschen ist. Lakota ist zudem nicht
die Sprache der Dakota, denn diese sprechen Dakota. Und den Begriff
"Tunkashila"
(Großvater, Ahne) mit Gott gleichzusetzen, zeugt schlichtweg von
mangelnder Kenntnis der Lakota-Mythologie. Am ehesten entspricht
Wakan-Tanka
(Das höchste und heiligste Wesen) unserem Gott. Eine
sorgfältigeres
Lektorat hätte dem Buch jedenfalls nicht geschadet.
Falls diese Buch dazu animieren soll, Godfrey Chips wegen Heilungen
oder Durchführung von anderen Zeremonien aufzusuchen, so hat sich
die Autorin im voraus versichern lassen, daß es ihm nichts
ausmacht.
Das ist schon erstaunlich, wenn man sich der Konflikte bewußt
ist,
die ein solcher Zeremonie-Tourismus mit sich bringt. Nicht wenige
Indianer
sind mit der Öffnung der Zeremonien Nicht-Indianern gegenüber
nicht einverstanden. All dies kommt in diesem Buch nicht vor, es ist
auf
Heilung und Geistwesen fixiert, und vermeidet eine notwendige
Einordnung
der Phänomene in sozialer, wirtschaftlicher und politischer
Hinsicht.
Nichtsdestoweniger ist es interessant, wenn auch viele darin
vorkommende
Sachen in anderen Büchern zum Teil ausführlicher und
eingehender
behandelt werden.
Norbert Mallik, Juni 1999