Leserkommentar von Norbert Mallik

Begegnung mit dem Schamanen

von Angelika Hansen

Angelika Hansen litt unter Panikattacken und beschreibt in diesem Buch die Geschichte ihrer eigenen Heilung und läßt den diese Heilung bewerkstelligenden Geister-Kommunikator Godfrey Chips zu Wort kommen. Chips ist Lakota-Indianer und ein Vermittler zu den Geistwesen, und vor ihm sind viele seiner Vorfahren ebenfalls dieser Berufung gefolgt. Es sind die Geistwesen selbst, die auf für uns ungewöhnliche Weise Heilungsprozesse in Gang setzen. Insofern ist der Titel "Begegnung mit dem Schamanen" nicht ganz korrekt, denn hier ist vielmehr die Begegnung mit einem "Interpreter", also Dolmetscher für die Geistwesen, gemeint. Die Bandbreite der erreichten Heilungen – unter anderem Krebs – ist aber enorm und läßt berechtigt vermuten, daß es sich hier nicht um eine dieser vielen esoterischen Pseudotherapien handelt, die momentan im Trend liegen, dem Patienten viel versprechen, aber außer wirkungslosem Hokuspokus meist nur Beutelschneiderei betreiben. Das hat die Autorin selbst erfahren müssen, denn sie schreibt: "Ich versuchte mit Hilfe von Rolfing, Rebirthing, Regressions- und Psychotherapie die Situation in den Griff zu bekommen. Ohne Erfolg." Sehr eindringlich schildert dann auch Godfrey Chips, daß die Kommunikation mit den Geistwesen beschwerlich und verantwortungsvoll ist, und auch nicht ohne Risiken für sich und seine Familie, da die Geistwesen zwar zur Hilfe bereit sind, aber auch hart sein können, wenn man die Zeremonien nicht richtig durchführt. Schamane wird man eben nicht auf einem Wochenendkurs, und vor allem, man kann auch nicht von heute auf morgen damit aufhören.
Die Autorin selbst ist während der Hippiezeit aufgewachsen und fühlte sich schon immer zu Indianern hingezogen, und, wie sie offenherzig mitteilt, vor allem dann, wenn es sich um schöne Männer handelt. Man wird kurz in die Hippiezeit zurückversetzt und bekommt einen kleine Ahnung von den dazugehörigen Werten, – daß "Love und Peace" eben in den 70ern einen höheren Stellenwert besaßen, als beispielsweise das Nachdenken darüber, was Love und Peace denn im Leben ausmachen. Auch überlegt man sich, ob Angstzustände nicht eine gesunde Reaktion auf eine bestimmte, auf den ersten Blick unbeschwert erscheinende Lebensweise ist. Mit anderen Worten: Nach jedem Rausch kommt die Ernüchterung, und für Angelika Hansen sind es Indianer, die ihr mit uralten Zeremonien helfen, sich auf ihre wirklichen Probleme und Bedürfnisse zu konzentrieren. Sie wird von einem Freund zu einer Zeremonie eingeladen und kommt so in direktem Kontakt mit Godfrey Chips. Sie nimmt an Heilungszeremonien teil und wird Zeugin von außergewöhnlichen Heilungserfolgen und auch ihre Panikattacken lassen sich durch eine Zeremonie beseitigen. Als Dank schreibt sie die Geschichte von Godfrey auf.
Das ist dann auch der weitaus interessanteste Teil des Buches, das außerdem noch Philip, Ron und Milinda zu Wort kommen läßt, die ebenfalls mit Hilfe von Godfrey geheilt, oder von ihm auf einer Visionssuche begleitet wurden. Godfrey erzählt, wie er ein Interpreter wurde, und wie seine Vorfahren dieselbe Aufgabe meisterten. Das ist besonders für uns aufgeklärte Menschen eine ungewohnte Sichtweise, denn die Existenz von Geistwesen läßt sich nicht mit einer wissenschaftlichen Einstellung vereinbaren. Andererseits birgt die Konzentration auf Geistwesen die Gefahr, alles und jedes auf Geister zurückzuführen, und andere, eher banal anmutende Gründe zu vernachlässigen. Wenn zum Beispiel die häufigen Autounfälle auf dem Reservat auf nachlässigen Umgang mit den Geistwesen zurückgeführt werden, ignoriert man zwangsläufig die diese Unfälle herausfordernde, scheinbar männliche Fahrweise und die allgemeinen Begleitumstände, und man muß sich doch eigentlich fragen, warum nicht noch mehr Unfälle passiert sind.
Das Buch ist ungenau bis falsch bei der Wiedergabe der fremdsprachlichen Begriffe aus der Lakotasprache und dem Englischen. Mann oder Frau macht nicht "ein Vision Quest", sondern "eine Vision Quest", die auch ebensogut mit dem Begriff Visionssuche einzudeutschen ist. Lakota ist zudem nicht die Sprache der Dakota, denn diese sprechen Dakota. Und den Begriff "Tunkashila" (Großvater, Ahne) mit Gott gleichzusetzen, zeugt schlichtweg von mangelnder Kenntnis der Lakota-Mythologie. Am ehesten entspricht Wakan-Tanka (Das höchste und heiligste Wesen) unserem Gott. Eine sorgfältigeres Lektorat hätte dem Buch jedenfalls nicht geschadet.
Falls diese Buch dazu animieren soll, Godfrey Chips wegen Heilungen oder Durchführung von anderen Zeremonien aufzusuchen, so hat sich die Autorin im voraus versichern lassen, daß es ihm nichts ausmacht. Das ist schon erstaunlich, wenn man sich der Konflikte bewußt ist, die ein solcher Zeremonie-Tourismus mit sich bringt. Nicht wenige Indianer sind mit der Öffnung der Zeremonien Nicht-Indianern gegenüber nicht einverstanden. All dies kommt in diesem Buch nicht vor, es ist auf Heilung und Geistwesen fixiert, und vermeidet eine notwendige Einordnung der Phänomene in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Nichtsdestoweniger ist es interessant, wenn auch viele darin vorkommende Sachen in anderen Büchern zum Teil ausführlicher und eingehender behandelt werden.

Norbert Mallik, Juni 1999




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