Leserkommentar von Norbert Mallik

Wallace Black Elk - Schamane der Lakota

von Wallace Black Elk und William S. Lyon

Der Sioux-Schamane W. Black Elk erzählt über sein Leben
Ein charmanter Schamane ... ist Wallace Black Elk, seines Zeichens Medizinmann der Lakota. Er bezeichnet sich als spirituellen Erben von Nicholas Black Elk, der hierzulande als "Schwarzer Hirsch" bekannt ist und dessen Bücher "Die heilige Pfeife" und "Ich rufe mein Volk" zu den meistverbreitetsten Indianerbüchern überhaupt zählen.
Wallace ist ein indianischer Mystiker, der die Öffentlichkeit nicht scheut. Er bereist immer wieder Europa, um auch Nichtindianern Geschichten seiner Visionen und Einsichten zu erzählen. Er ist in Sachen Heilung und als Kulturbotschafter in der Welt seit vielen Jahren unterwegs, auch in Deutschland war er etwa zu Pfingsten 1998 bei einem Weltkongreß der Indianer und Schamanen in Düsseldorf zu Gast. Das widerspricht eigentlich der traditionellen Auffassung der Lakota und anderer indianischer Völker. Für sie ist es wichtig, dass ein Medizinmann bei seinem Volk lebt, und es gibt auch kontroverse Ansichten darüber, welcher Medizinmann nun die Religion seines Volkes ausbeutet und wer nicht. Von daher ist Wallace Black Elk so unumstritten nicht, wie es der Klappentext und die Einleitung des Buches glauben machen will. Das Buch ist auch im eigentlichen Sinne keine Autobiographie, sondern eine Aufzeichnung von Vorträgen, die Wallace vor wechselndem Publikum hielt. William S. Lyon, der viele Jahre für Wallace als Übersetzer arbeitete, hat sie zusammengestellt und herausgegeben.
Wallace erzählt von seinem Leben, wie sein spirituelles Training schon als fünfjähriger Junge begann, und welche Begegnungen er mit Geistwesen hatte, die im Buch als Spirits bezeichnet werden (was immer ein wenig an Spiritus erinnert). Wallace mußte viele Jahre warten, bis er seine erste heilige Pfeife, die Chanunpa, zurecht geschnitzt hatte. Seine Großeltern wollten ihn auf eine Besondere Weise ausbilden, damit er später mit seinem Wissen einmal seinen
jüngeren Stammesbrüdern die Kultur seines Stammes vermitteln konnte. Zusammen mit seinem Volk machte er schwere Zeiten durch - so ist etwa erst mit dem Religious Freedom Act von 1978 den Indianern die volle Ausübung ihrer Religion gesetzlich erlaubt. Doch auch in den harten Zeiten vertrauten die Indianer auf die Kraft der Geister und führten ihre Zeremonien durch. Wallace wurde auch des öfteren darum gebeten, Weißen etwas von der indianischen Religion zu zeigen. Er machte das gründlich und mit dem notwendigen Humor.
So merkt man ihm seine (Schaden-) Freude deutlich an, wenn er davon erzählt, wie dumm sich etwa Akademiker bei der Vorbereitung einer Schwitzhütte anstellen können. Er schildert das lebendig und mit Humor. Seine Visionen erlangte er bei seinen vielen Visionssuchen (was scheinbar unübersetzbar im Text als Vision Quest wiedergegeben wird, jedoch den Kern der Hanblechia - dem Weinen durch die Nacht - nur ansatzweise wiedergibt). Dadurch
verfestigte sich sein Kontakt zu den Geistwesen und seine Philosophie erweiterte sich. Diese Visionen haben auch Botschaften für sein Volk und alle Menschen zum Inhalt. Es geht unter anderem um einen drohenden Atomkrieg und um Umweltverschmutzung. Auch kann er Kranke heilen, und es ist eindrucksvoll, wie er in einem Krankenhaus einen Jungen heilt, der aufgrund einer Fehlbildung nicht richtig schlucken kann.
Doch es wird auch ein Mangel deutlich: seine fehlende Nähe zu seinem Volk lassen ihn keine eindeutigen Stellungn zu aktuellen politischen Themen nehmen. Andere Medizinmänner, wie etwa der weithin geachtete Fools Crow, sind direkter, wenn es darum geht, dass die Lakota ihren Anspruch auf die heiligen Schwarzen Berge nicht aufgeben sollen, und für eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder kämpfen müssen. Wallace' Stärke ist die Mythologie, er vermag alles und jedes miteinander zu verbinden und wird wegen seiner Universalität gemocht und auch deswegen abgelehnt. Diese Buch vermittelt einen tiefgehenden Einblick in seine Ansichten und sein Leben - aus der Sicht von Wallace Black Elk selbst. Das wird viele faszinieren, schon wegen der schieren Unglaublichkeit seiner Erzählungen besonders über den Kontakt zu den Geistwesen. Andere möchten mehr von ihm wissen, weil sie seinen Namen schon in diesem oder jenem Zusammenhang gehört haben. Es ist weniger die Geschichte der Lakota, deren Medizinmann er doch ist. Im Gegensatz zu Fools Crow (dessen Biographie 1996 unter dem Titel: "Ich singe mein Lied für Donner Wind und Wolken" im Fischer Verlag erschienen ist) erscheint Wallace nicht so sehr mit dem Land und den Leuten verwurzelt. Er stützt sich weniger auf das tägliche Leben in der Gemeinschaft, sondern zentriert seine Geschichten hauptsächlich um die Geistwesen und um sein persönliches Erleben. Vielleicht spürt er insgeheim, dass seine Zuhörer das Außergewöhnliche lieben und begierig sind von Wundern zu hören, und er gerne so sein möchte und sich deshalb so darstellt. Dann muß er sich und seine Rolle als indianischer Mann nicht so sehr hinterfragen. Wer die Geister hinter sich weiß, der ist zwar vor Selbstzweifeln einigermaßen sicher, aber kaum vor denen anderer. Insgesamt ist es ein außergewöhnliches Buch eines außergewöhnlichen Mannes und bietet eine für uns ungewohnte und interessante Sichtweise scheinbar alltäglicher Dinge.

Norbert Mallik, September 1998


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